13
Jun-2019

Problematische Zusammenarbeit mit Kinderheimen

Allgemein   /  

Wer unsere Homepage häufiger besucht und aufmerksam durchliest, wird bemerkt haben, dass seit kurzem zwei unserer Partnerkinderheime aus dem Programm entfernt wurden. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder Partnerschaften mit Projekten beendet und mit neuen Projekten begonnen, um unserem Standard gerecht werden und sicherstellen zu können, dass unsere Freiwilligen und Praktikanten in Projekten untergebracht sind, in denen sie sich sinnvoll einbringen können und die den ganzheitlichen Wert von „Volunteering“ ebenso schätzen wie wir.

Die jüngste Entwicklung hat jedoch einen noch tiefergehenden Hintergrund.

Wir sind uns sicher, dass viele unserer Freiwilligen und die, die sich für unser Programm interessieren, sich zuvor umfassend über das Thema Freiwilligenarbeit informieren. Dabei stößt man über kurz oder lang auch auf Artikel, die das Thema „Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern“ kritisch hinterfragen. Waisenhäuser in Afrika, Lateinamerika und Asien haben häufig einen schlechten Ruf, seien überlaufen, den Leitern wird Profitgier und im schlimmsten Fall sogar Kinderhandel vorgeworfen. Viele Waisenhäuser würden nur gegründet, um leichtes Geld zu machen, denn schließlich ziehe das Geschäft mit dem Mitleid immer. Auch wird kritisiert, dass Kurzzeit-Freiwillige schnell zu Bezugspersonen für die häufig ohnehin traumatisierten Kinder werden und die Psyche ihrer Schützlinge noch mehr brechen, wenn sie nach wenigen Wochen oder Monaten plötzlich wieder aus ihrem Leben verschwunden sind.

All dies sind nachvollziehbare Punkte und lassen einen zwangsläufig ins Grübeln kommen.  Möchte ich dieses Risiko als Freiwilliger wirklich eingehen? Ist es überhaupt moralisch vertretbar als Freiwilliger in einem Kinderheim in Tansania zu arbeiten?

Als wir STEP Africa vor 5 Jahren gründeten, haben wir uns selber selbstverständlich ebenfalls tiefgründig mit diesem Thema befasst und uns entsprechende Fragen gestellt. Damals jedoch gingen wir davon aus, dass wir als Freiwilligenorganisation, die zudem direkt vor Ort und in persönlichem Kontakt mit den Projekten agiert, zwischen den „Guten“ und den „Schwarzen Schafen“ unterscheiden können. Die vergangenen Jahre – ich, Kira, rede hier von den vergangenen 11 Jahren seit ich das erste Mal selber als Freiwillige nach Tansania kam – haben uns immer wieder gezeigt, wie auch Kinder in Waisenhäusern zu selbstbewussten, selbstständigen und glücklichen jungen Erwachsenen heranwachsen können. Wir hatten zahlreiche großartige Freiwillige, die in unseren Partnerkinderheimen tolle Lern- und Freizeitprojekte mit den Kindern auf die Beine gestellt haben, Patenschaften übernommen haben und sichtbare Beiträge zur Entwicklung der jeweiligen Einrichtungen geleistet haben. Eine Entwicklung, die nicht machbar gewesen wäre, wenn wir es mit korrupten und habgierigen Kinderheim-Leitern zu tun gehabt hätten!

Dennoch haben wir auch zu häufig die Schattenseiten kennengelernt. Haben die Zusammenarbeit mit Kinderheimen beendet, deren Kinderzahl zu explodieren schien und deren Leiter nicht viel mehr Gesprächsthemen als die nächste große Spende zu haben schienen. Solche Situationen haben uns immer wieder ins Grübeln gebracht. Können wir die Zusammenarbeit mit Kinderheimen weiter verantworten? Dürfen wir es uns als Freiwilligenorganisation wirklich anmaßen zu Urteilen, wer gut und wer „böse“ ist?

Wir haben zahlreiche Gespräche geführt, mit Institutionen und lokalen Behörden, wurden enttäuscht und dann wieder positiv überrascht. Letztlich sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass wir ab sofort nicht mehr mit dauerhaften Betreuungseinrichtungen für Waisenkinder zusammenarbeiten wollen. Vor dem Hintergrund neuester Forschung und leider viel zu vieler negativer Erfahrungen, die wir und so viele andere gemacht haben, können wir eine Zusammenarbeit mit solchen Einrichtungen schlicht nicht länger verantworten. Und der Grund ist eigentlich ganz einfach:

KINDER GEHÖREN IN EINE FAMILIE!

Ganz egal, wo auf der Welt, da sind wir uns doch alle einig, oder? Eine liebende und fürsorgliche Familie ist ein Grundrecht für jedes Kind, ganz unabhängig von dem Land, in dem es geboren wurde. Viele internationale Organisationen wie z.B. LUMOS, gegründet von der Harry Potter Autorin J.K. Rowling (https://www.wearelumos.org/), setzen sich mittlerweile dafür ein. „Children belong in families, not orphanages“. Eine weitere NGO hier in Tansania, PAMOJA LEO, hat zudem einen Leitfaden entworfen, worauf man bei Kinderheimen achten sollte, bevor man darüber nachdenkt, diese zu unterstützen:

 

Sogar bei den tansanischen Sozialbehörden, die in der Vergangenheit sehr schnell Kinder an Waisenhäuser verwiesen haben, wenn diese einen Elternteil verloren oder von der direkten Familie nicht versorgt werden konnten, hat mittlerweile ein Umdenken stattgefunden. Denn nur ein Bruchteil der Kinder, die in Waisenheimen leben, sind auch tatsächlich Vollwaisen. Viele haben Familienangehörige, oft sogar noch lebende Elternteile. Jedoch wird die Familie oftmals davon überzeugt, dass die Kinder in einem Waisenheim eine bessere Chance auf ein gutes Leben haben, vielleicht sogar einen Schulpaten finden und dann irgendwann vielleicht wieder ihre Familie unterstützen können. Aus der Not heraus scheint das Sinn zu machen, aber mehr als jede Bildung, benötigt ein Kind feste Bezugspersonen, Liebe und Geborgenheit. Es ist vielleicht einfacher Kinder in Kinderheimen zu unterstützen, aber Familien zu unterstützen ist ebenso nicht unmöglich, man muss es eben nur wollen! Daher hat das Sozialamt in Tansania damit begonnen, Kinder in Kinderheimen wieder mit ihren Familien zusammenzuführen, wo immer dies möglich ist. Zahlreiche Kinderheime wurden geschlossen, vielen droht noch die Schließung, denn sie werden oftmals schlicht nicht mehr gebraucht.

Wie geht es konkret weiter?

Wir werden ab sofort keine neuen Freiwilligen mehr in unsere beiden verbleibenden Partnerkinderheime, in denen eine dauerhafte Unterbringung der Kinder vorgesehen ist, einteilen. Die Projekte sind wie erwähnt bereits von unserer Homepage gestrichen worden. Wir hoffen, dass die entsprechenden Projekte in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt eine Lösung finden werden, Kinder ggf. mit ihren Familien zu vereinen oder gezielt Pflege- und Adoptivfamilien zu suchen. Zukünftigen Freiwilligen, die bereits in eines der Kinderheime eingeteilt wurden, lassen wir frei, ob sie dennoch dort arbeiten möchten oder lieber in ein anderes Projekt wechseln möchten. Dies entscheidet sich vor Ort, indem wir unseren Freiwilligen mehrere Einrichtungen zeigen und sie sich selber einen Eindruck machen dürfen.

Was sind Alternativen zu Kinderheimen?

Daycare Center, also Tagesbetreuungseinrichtungen, sind in unseren Augen die beste Alternative für Kinder, die nur aufgrund von Armut in Kinderheimen lebten oder dem Risiko ausgesetzt sind / waren in solchen untergebracht zu werden, aber eigentlich noch Familienmitglieder haben, die sie lieben und bei sich haben möchten. In einer Tageseinrichtung werden die Kinder umsorgt, bekommen feste Mahlzeiten und werden altersgerecht betreut, während ihre Familie sich tagsüber keine Sorgen um die Betreuung des Kindes machen muss und so Zeit hat das eigene Leben zu regeln, Arbeiten zu gehen oder sich weiterzubilden. Wir werden daher in den nächsten Wochen neue Tageseinrichtungen veröffentlichen, mit denen wir uns freuen zukünftig zusammenzuarbeiten.

Es wird leider immer auch Kinder geben, für die eine Zusammenführung mit der Herkunftsfamilie, eine Adoption oder Unterbringung in einer Pflegefamilie keine Optionen sind. Solche Kinder müssen in kleinen Einrichtungen betreut werden, die Wert auf feste Familienstrukturen mit Hauseltern und festen Bezugspersonen legen. Ein berühmtes Beispiel hierfür sind die SOS Kinderdörfer, es gibt jedoch auch zahlreiche andere Einrichtungen, die diesem Vorbild folgen. Große Einrichtungen mit vielen Kindern und wenigen festen Bezugspersonen müssen bald der Vergangenheit angehören.

Kompromisse

Nicht immer ist eine direkte Unterbringung in einer Familie möglich. Zum Beispiel, wenn die Mutter bei der Geburt stirbt, der Vater weit entfernt in einem Dorf lebt und bereits weitere Geschwisterkinder zu versorgen hat. In Fällen, wo die fachgerechte Versorgung, insbesondere von Babies und Kleinkindern, nicht gewährleistet ist, muss es temporäre Institutionen geben, die die Kinder aufnehmen und versorgen können, bis die Familie eine Pflegelösung gefunden hat bzw bis die Kinder groß genug sind, um nicht mehr auf Windeln und Säuglingsnahrung angewiesen zu sein. Das Cradle of Love Baby Home ist eine solche temporäre Pflegeeinrichtung, die die Babies und Kleinkinder nur so lange pflegt, bis sie zurück in ihre Herkunftsfamilie ziehen können oder aber bis sie adoptiert werden, sofern es keine bekannten Familienangehörigen gibt. Dies ist ein Kompromiss, denn natürlich wäre es besser für jedes Kind ohne Unterbrechung in einer Familie aufzuwachsen. Aber in einem Entwicklungsland wie Tansania mit schwacher ländlicher Infrastruktur und schlechter medizinischer Versorgung außerhalb der Ballungsgebiete, ist dies nunmal nicht immer umsetzbar. Da das Cradle of Love aber weiterhin bemüht ist, Kindern einen bestmöglichen Start zu ermöglichen und allen o.g. Leitlinien entspricht, werden wir vorerst weiter mit dieser Einrichtung zusammen arbeiten.

Nun könnte man uns noch vorwerfen, dass die Kinder bei wechselnden Freiwilligen ja auch hier Bindungsstörungen entwickeln können. Jedoch ist der Personalschlüssel im Cradle of Love sehr gut und die einheimischen „Nannies“ sind die Nummer 1 Bezugspersonen für die Babies. Freiwillige sind willkommene Besucher, die Spaß und Abwechslung in den Alltag bringen, wodurch die Abgrenzung hier klar ist.

Ausblick

Da uns dieses Thema sehr am Herzen liegt, sind wir allen unseren Freunden und Unterstützern und natürlich vorrangig unseren Freiwilligen diese Erläuterung schuldig.

In den nächsten Wochen wird sich auf unserer Homepage noch das ein oder andere ändern und diesbezüglich anpassen. Unter anderem werden wir unsere Projektkategorien etwas abändern. Denn uns ist bewusst, dass viele Freiwillige eine Arbeit im Kinderheim wünschen, weil sie sich Unterrichten beispielsweise nicht zutrauen oder vorstellen können. Doch gerade in den Tageseinrichtungen steht Kinderbetreuung auch ganz oben auf der Prioritätenliste, vor allem, da viele Einrichtungen bereits Babies ab 6 Monaten aufnehmen. Die Aufgabenfelder unterscheiden sich daher wenig von der Arbeit in einem Kinderheim mit dem entscheidenden Unterschied, dass unsere Freiwilligen die Kinder am Abend nicht in einem Kinderheim zurücklassen, sondern in die Arme ihrer Familienmitglieder zurück geben 🙂

Bei Fragen oder Rückmeldungen zu diesem Thema, freue ich mich über eure Nachrichten unter info@step-africa.de

 

 

 

 

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