02
Aug-2020

Gedanken zu Aktuellen Lage

Allgemein   /  

Vier Wochen Post-Wiedereröffnung ist es höchste Zeit für ein Update. Ich, Kira, möchte es aber diesmal lieber einen „Kommentar“ nennen, denn Achtung, es wird persönlich.

Nun ist es also einen Monat her, dass die ersten Freiwilligen wieder in unser STEP Africa Haus eingezogen sind. Wir sind überglücklich und genießen den neu gewonnenen Alltag sehr. Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht – gestern ist Anna, eine der ersten Ankömmlinge im Juli – bereits wieder abgereist. Gleichzeitig ist es aber sehr erfüllend zu sehen, mit wie viel Motivation und Tatendrang sich unsere Freiwilligen in ihre Projektarbeit gestürzt haben. Das macht uns sehr stolz und dankbar!

Wer unsere Social Media Accounts (Facebook und Instagram) in den letzten vier Wochen verfolgt hat, wird manchmal vielleicht den Eindruck gehabt haben, dass wir in einem Corona-freien Paralleluniversum leben. Wo sind bloß die Masken? Was ist mit dem Mindestabstand? Ist das nicht völlig verantwortungslos? Wir sind uns der Wirkung der Bilder sehr wohl bewusst und wir sind uns darüber im Klaren, dass nicht jeder diese gutheißen wird. Deshalb möchte ich hierzu ein paar Dinge erklären.

Per Gesetz gibt es in Tansania keine Maskenpflicht. Geschäfte, Behörden und andere Einrichtungen entscheiden selber, ob sie eine solche umsetzen möchten oder nicht. Dennoch ist die Aufklärung über das Corona-Virus auch hier sehr präsent. Händewaschen und -desinfektion ist nahezu überall Pflicht, es wird auf Mindestabstand hingewiesen und vielfach vor Betreten von Supermärkten, Banken etc. die Körpertemperatur kontrolliert. Eigenverantwortlich handeln diesbezüglich auch unsere Freiwilligen, Projekte und Personen im Umfeld unserer Organisation.

Im STEP Africa Haus sind alle gesetzlich vorgeschriebenen Regularien umgesetzt worden. Alle Flächen und Räumlichkeiten werden mehrmals täglich desinfiziert. Über das Hostel-Gelände verteilt befinden sich mehrere Handwasch- und Händedesinfektionsstationen. Mitarbeiter unterziehen sich täglichen Gesundheitschecks und sind eingehend über Hygienemaßnahmen aufgeklärt. Unsere Zimmer und das ganze Haus werden regelmäßig gut durchlüftet. Es besteht überall die Möglichkeit für „physical distancing“. Wer nicht mit dem Daladala (die oft recht voll besetzten Kleinbusse) in das Projekt fahren möchte, der hat die Möglichkeit – bei nahegelegenen Projekten – zu laufen oder aber auf ein Tuktuk (eine Art kleines offenes Taxi) umzusteigen. Die Projekte haben ihre eigenen Präventionskonzepte entwickelt, welche sie jeweils für praktikabel und sinnvoll halten und an welchen sich selbstverständlich auch unsere Freiwilligen orientieren.

Wem dies aus westlicher Sicht lax erscheinen mag, der möge sich bewusst machen, dass Länder weltweit sich am nationalen Infektionsgeschehen orientieren und entsprechend bei ruhiger Lage Lockerungen vornehmen und / oder vermehrt auf Eigenverantwortung setzen. Die Lage in den tansanischen Krankenhäusern ist ruhig, fast alle der 84 COVID Behandlungszentren, die landesweit errichtet wurden, haben mittlerweile wieder geschlossen. Das Leben geht weiter!

Um die Lage auch langfristig unter Kontrolle halten zu können, wird ab diesem Monat auch die Vorlage eines negativen Covid-Tests als Einreisevoraussetzung vorgeschrieben. Eine Maßnahme, die ich für sehr sinnvoll erachte. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesundheitschecks bei Einreise bereits seit Öffnung des Flugverkehrs im Juni strenger sind, als die vieler westlicher Länder einschließlich derer Deutschlands, wo bis dato nicht einmal ein obligatorischer Temperaturcheck stattfand. Die Lage in den Krankenhäusern hier im Land ist ruhig. Das hören wir auch täglich von unserer Freiwilligen Gioia, die als Medizinstudentin im staatlichen „Meru District Hospital“ absolviert (ein kleiner Erfahrungsbericht von ihr wird in Kürze noch folgen).

Seriöse Medien wie u.a. Spiegel-Online veröffentlichten in den letzten Wochen Berichte, wonach die Lage in Tansania nicht unter Kontrolle sei und angeblich nachts heimlich „Corona-Tote“ beigesetzt wurden. Über solche Berichte von Reportern, die nicht einmal selber im Land sind, kann man leider nur den Kopf schütteln.

Um eines klarzustellen: Ich gehöre ganz sicher nicht zur Gruppe der COVID-Leugner. Ich und wir alle erkennen an, dass es sich um einer sehr ernst zu nehmende und potenziell tödliche Krankheit handelt. Eine COVID-Erkrankung kann für alle Altersgruppen gefährlich werden. Dennoch gibt es klare Risikogruppen und hierzu gehören vor allem ältere Menschen und solche mit multiplen Vorerkrankungen. Mehrere unabhängige Untersuchungen legen mittlerweile nahe, dass es dem geringen Altersdurchschnitt auf dem afrikanischen Kontinent zu verdanken ist, dass die Infizierten- und Todeszahlen hier nicht die Ausmaße westlicher Industrienationen annehmen.

Wie kann es dennoch sein, dass in Tansania das Leben mittlerweile einfach so weitergeht? Meine Erklärung hierfür ist im Prinzip ganz einfach. Afrikanische Länder sind die Gegenwart des „Unbekannten“ gewohnt. Es ist hier schlicht keine Seltenheit, dass man sich mit Krankheiten ansteckt, die potenziell tödlich sind und auch, dass es nicht für jede Erkrankung wirksame Medikamente gibt (bzw. man sich diese leisten könnte). Im Gegensatz zu westlichen Nationen, in denen kaum eine Erkrankung ohne Diagnose und kaum eine Diagnose – aus Unkenntnis über korrekte Behandlung oder Mangel an wirksamen Medikamenten – unbehandelt bleibt, sind Tansanier dieses „Unbekannte“ gewöhnt, es ist Teil des Alltags. In Tansania sterben Menschen, häufig auch Kinder und junge Erwachsene an Tuberkulose, an Masern, an Cholera, an Malaria und natürlich an HIV / Aids – auch der letzte Ebola-Ausbruch im Congo war nur einen „Katzensprung“ entfernt. Da ist nun also COVID-19 und reiht sich in diese Auflistung ein. Der Unterschied? COVID ist eine neue, unerforschte Erkrankung und sie breitet sich nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent oder in den Entwicklungsländern der „Dritten Welt“ aus, sie ist überall! Und damit ist sie medial allgegenwärtig. Ebola im Congo? Eine kleine Randnotiz, auf Seite drei. Malaria-Tote im ländlichen Tansania? „So ist das dort in den armen Ländern eben“. COVID-19 aber trifft eine Generation von Menschen, die in der Nachkriegszeit westlicher Industrienationen mit bester medizinischer Versorgung aufgewachsen sind, die an eine unbekannte Gefahr nicht gewohnt sind. Es wird fieberhaft versucht die Gefahr zu dämmen, die Verbreitung zu stoppen und einen Impfstoff zu finden. Doch sind wir ehrlich. Ob und wann es einen Impfstoff geben wird ist völlig ungewiss und vor allem auch, wie lange dieser vor einer Ansteckung schützen würde. Eine Influenza-Impfung muss jährlich wiederholt werden und schützt nicht einmal gegen alle Influenza-Viren. Gegen HIV oder Malaria gibt es bis heute keinen wirksamen Impfschutz. COVID-19 ausrotten, das wird wohl nicht möglich sein. Wir müssen uns an die Präsenz des Virus gewöhnen, ob wir wollen oder nicht.

Tansania wurde von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie weitaus härter getroffen als von den gesundheitlichen Folgen. Hunderttausende Menschen, vor allem die, die in der Tourismus-Industrie und verwandten Wirtschaftszweigen arbeiteten, verloren ihre Arbeitsplätze bzw. mussten und müssen sich weiterhin auf viele Monate ohne Einkommen für sich und ihre Familien einstellen. Tansania hat keine funktionierende soziale Absicherung, es gibt weder Arbeitslosengeld noch sonstige Sozialhilfeleistungen (mit Ausnahme einer Rentenversicherung für Festangestellte, was auf die wenigsten Menschen zutrifft). Im Schnitt versorgt eine arbeitende Person 9 Familienmitglieder mit ihrem Gehalt, zumeist Kinder, Eltern, Großeltern, die selber nicht arbeiten können oder in entlegenen Dörfern leben. Diese Versorgungskette ist aufgrund der Pandemie zusammengebrochen. Und dennoch hat es Tansania vergleichsweise mild getroffen, denn Präsident John Magufuli hat sich für einen im Vergleich zu den meisten (auch afrikanischen) Staaten anderen Lösungsweg entschieden. Die Schulen haben seit Ende Juni wieder geöffnet, Infektionszahlen werden nicht veröffentlicht, um Panik und Verunsicherung zu vermeiden. Auch hat sich das Land wieder für den Tourismus und den Empfang internationaler Gäste geöffnet. Uns begegnet von außerhalb häufig die Auffassung, dass diese Entscheidung fahrlässig war. Jedoch sind selbst Reisende aus Ländern mit offiziell sehr strengen Corona-Sicherheitsmaßnahmen überrascht, wie sorgfältig und gut organisiert die Abläufe am Flughafen funktionieren.

Auch STEP Africa wurde von der Corona Krise hart getroffen. So groß die Freude über die Rückkehr unserer Freiwilligen ist, so wenig kann dies über die Tatsache hinwegtäuschen, dass 85% unserer Freiwilligen ihren Aufenthalt für dieses Jahr abgesagt oder verschoben haben. Auch kam es für uns nie in Frage Mitarbeitergehälter und -Leistungen während dieser Zeit zu kürzen. Ohne die Unterstützung von Familie und Freunden hätten und würden wir das ganze weiterhin nicht schaffen. Doch wir sehen uns nicht im Recht zu jammern, denn schließlich sitzen wir alle im gleichen Boot. Wir haben alle die gleiche Verantwortung zu verhindern, dass uns in all dem die Menschlichkeit verloren geht!

Um noch einmal einen kurzen Sprung nach Europa zu machen. Laut Robert-Koch-Institut steckt sich die überwiegende Mehrheit der Deutschen Neuinfizierten NICHT in den vom RKI ausgeschriebenen „Risikoländern“, zu denen auch Tansania zählt, an, sondern in Deutschland, innerhalb der eigenen Reihen. Machen wir uns nichts vor. Corona ist überall und es wird immer mehr deutlich wie schwer sich eine Ansteckung, selbst mit Mindestabstand und Maske, sicher vermeiden lässt. Durch die Reisewarnungen (von denen natürlich fast alle europäischen Länder ausgenommen sind) werden ganze Länder und Kontinente stigmatisiert, die Weltwirtschaft leidet enorm. Menschen in der besonders hart getroffenen Tourismusbranche wissen nicht mehr weiter, denn, das habe auch ich in den letzten Monaten gemerkt, gegen politische Entscheidungen kann man nicht anreden, egal wie anders die Realität vor Ort aussieht. Die Angst und Sorge bleibt und es kann noch nicht einmal irgendjemandem übel genommen werden. Ich habe die Corona-Pandemie von Beginn an hier in Tansania und damit aus afrikanischer Perspektive verfolgt. Ich kann mir die Allseitspräsenz der Krise in den europäischen Medien und vor allem auch im Alltag (denn die Nachrichten verfolge ich ja) nur annähernd vorstellen. Und ich gestehe, dass ich vermutlich so wie 85% unserer Freiwilligen entschieden hätte, wäre ich in ihrer Situation gewesen.

Doch ich bin nun einmal hier und mir ist es sehr wichtig, aufzuklären und zu erzählen, wie es eben ist hier vor Ort. Tansanische Menschen sind pragmatisch und so geht das Leben hier weiter. Und so entstehen dann die Instagram Bilder, die so wirken, als hätte es Corona nie gegeben…nun kennt ihr den Hintergrund!

Ich habe in den letzten Wochen häufig die Frage gehört, ob denn ein Freiwilligendienst in diesem Jahr überhaupt noch Sinn macht. Man kann mir auch hier vorwerfen, subjektiv zu antworten, schließlich habe ich ja ein Interesse daran, dass Freiwillige zu uns kommen. Dennoch möchte ich auch hier klarstellen, dass ich selber mit meinen Kindern hier lebe und mich zu jeder Zeit sicher gefühlt habe. Ich würde niemanden in ein Land „locken“, von dem ich glaube, dass meine Freiwilligen hier einer höheren Gefahr als in Europa ausgesetzt wären. Daher lautet meine Antwort: Ja, ein Freiwilligen-Einsatz lohnt sich sogar sehr! Die Projekte haben aktuell kaum Volontäre, um ihre Arbeit zu fördern und zusätzlich voranzutreiben. Es ist ruhig, die Natur ist atemberaubend und nahezu unberührt von Touristen, der Alltag in Arusha ist deutlich entspannter, die meisten Einheimischen freuen sich riesig über die Weißen, die sich so langsam endlich wieder hierher trauen. Freiwillige sind wie immer und mehr denn je herzlich willkommen und dass die aktuelle Zeit „once in a lifetime“-Potenzial hat, würden unsere aktuellen Freiwilligen wohl unterschreiben 🙂

Es bleibt noch eine entscheidende Frage offen. Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung hier in Arusha aus? Diese Frage bekomme ich nicht nur in Corona-Zeiten gestellt, schließlich hat man als außenstehender zwangsläufig auch die afrikanischen Buschkliniken und schlecht ausgestatteten Krankenhäuser aus den Berichterstattungen über Entwicklungsländer vor Augen. Arusha ist die größte Stadt in Nord-Tansania und beherbergt einige sehr gute private Kliniken, die nicht vollständig aber nah an europäischen Standard heranreichen. Mein Vertrauen in die Krankenhäuser ist so groß, dass ich meine Tochter hier per Kaiserschnitt entbunden habe und mich zu jeder Zeit bestens betreut, versorgt und sicher gefühlt habe. Und selbstverständlich sind dies die Kliniken, in die wir unsere Freiwilligen im Krankheitsfall begleiten und sicherstellen, dass sie ebenso gewissenhaft medizinisch betreut werden.

Wie geht es weiter? Wer weiß das in dieser verrückten Zeit schon. Die Grenzen in Tansania jedenfalls bleiben geöffnet und Besucher sind herzlich willkommen – und somit natürlich auch unsere Freiwilligen 🙂 Wir sind hier und halten die Stellung und vor allem halten wir euch weiter auf dem Laufenden. Wir genießen unsere Zeit mit den wundervollen Freiwilligen, die bei uns sind und nutzen die verbleibende Zeit für Fort- und Weiterbildungen, Verbesserungen unserer Abläufe und Angebote und ein weiteres spannendes Projekt, von dem ich in meinem nächsten Update berichten werden.

Für Fragen und Antworten stehe ich wie immer sehr gerne zur Verfügung.

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